Studie

Technologieachse Süd

Am Anfang stand eine Sammlung von Argumenten für den Ausbau der „Bahn-Magistrale“ zwischen Karlsruhe und München, zuletzt ist daraus eine Profilbeschreibung für einen der technologieintensivsten und innovationsstärksten Räume Europas geworden: In der nunmehr dritten Studie der Prognos AG zur „Technologieachse Süd“ haben die IHKs Schwaben, Ulm, München und Karlsruhe als Auftraggeber die regionalen Schwerpunkte in Industrie und Forschung zwischen dem Oberrhein und dem oberbayerischen „Chemiedreieck“ herausarbeiten lassen.
Einige der zentralen Ergebnisse:
  • Es gibt eine klare regionale „Arbeitsteilung“ zwischen Forschung, Entwicklung und technologieorientierter Produktion entlang der „Technologieachse Süd“. Dies unterstreicht die Notwendigkeit leistungsfähiger Verkehrswege als „Rückgrat“ der Vernetzung, aber auch für die Logistik, auf die die verarbeitende Industrie angewiesen ist.
  • Den schwäbischen Wirtschaftsräumen Donau-Iller (Ulm/Neu-Ulm mit Günzburg und Memmingen) und Augsburg (mit Donau-Ries, Dillingen und Aichach-Friedberg) kommt dabei die Rolle der „technologischen Werkbänke“ zu. Im Raum Ulm/Neu-Ulm ragen die Pharma- und Biotechnologie-Branche sowie der Maschinenbau weit noch über den Durchschnitt der „Technologieachse“ hinaus, im Raum Augsburg liegt der Maschinenbau deutlich vorn. In der Planungsregion Augsburg hat der Luftfahrzeugbau die stärkste regionale Ausprägung („Lokalisationsquotient“) aller Branchen an der gesamten „Technologieachse“: Er ist dort 6,2-mal so stark vertreten wie im Bundesdurchschnitt. Selbst im „Chemiedreieck“ liegt die namensgebende Branche bei „nur“ 4,0.
  • Die „Patentdichte“ liegt in diesem Raum um das 2,7-fache über dem Bundesdurchschnitt.
„Die Regionen ergänzen sich wie Puzzlestücke“
Mit ihren unterschiedlichen Kompetenzprofilen „passen die Teilregionen der ,Technologieachse‘ zusammen wie ein Puzzle“, erklärte Prognos-Principal Tobias Koch, der die Studie federführend erstellt hatte, bei ihrer Präsentation am 26.04.2017 in der IHK Schwaben.
Plädoyer für Bahnausbau, Datennetze und Gewerbeflächen
„Wir haben Argumente gesammelt, die zeigen, warum diese Achse stark ist und deshalb auch eine starke Infrastruktur braucht“, erklärte Dr. Andreas Kopton, Präsident der IHK Schwaben, bei der Vorlage der Studie. Nach der Realisierung des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm „muss das Gleiche zwischen Ulm und Augsburg geschehen“, damit die transeuropäische Magistrale von Paris bis München durchgehend als Hochgeschwindigkeitsstrecke befahrbar werde, sagte Kopton. „Aber: Dieser Raum braucht auch leistungsfähige Datennetze, Wohnungsangebote und Gewerbeflächen“, machte er deutlich.
Die Prognos-Untersuchung „hat bewusst gemacht, welches Potenzial in der transeuropäischen Strecke steckt und welche wirtschaftliche Kraft sich an ihr entlang gesammelt hat“, sagte der Präsident der IHK Ulm, Dr. Peter Kulitz. „Wir müssen diese Stärken verstärken und aufpassen, dass wir nicht bloß an den Schwächen herumlaborieren“, forderte er.
Dazu gehöre es, der technologieorientierten Produktion entlang der Achse eine Zukunft zu geben, betonte Dr. Peter Lintner, Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik der IHK Schwaben, was sich auch in Innovationsbereitschaft und Förderpolitik niederschlagen müsse. „Und wir müssen die Vernetzung entlang der ,Technologieachse‘ forcieren“, ergänzte IHK-Präsident Dr. Kopton. Die Innovationsregion Ulm/Neu-Ulm, der „Schwabenbund“, der Logistik-Cluster Schwaben und die Cluster für Nutzfahrzeuge und Biopharma seien wichtige Ansätze hierfür.
„Die Kuh, die die Milch gibt…“
„Damit wird die Idee der ,Südschiene‘ zwischen den Landeshauptstädten Stuttgart und München wiederbelebt und gestärkt“, folgerte der Ulmer IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle. „Das ist die Kuh, die die Milch gibt“, ergänze er mit Verweis auf das Steuer- und Unternehmenssteuer-Aufkommen dieses Raumes, das erheblich höher liege als es dem Bevölkerungsanteil entspreche.
Die erste Untersuchung vom Mai 2013 war eine Ergänzung zum großen Prognos-Gutachten „Perspektive Schwaben“ im Auftrag der IHK. Zielsetzung war damals, ökonomische Argumente für den Ausbau der Bahn-Achse von Karlsruhe über Stuttgart, Ulm und Augsburg nach München und weiter Richtung Wien (TEN-Strecke) zusammenzutragen. Im Hintergrund standen damals auch Befürchtungen, das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm könnte noch ausgehebelt und die TEN-„Magistrale“ an Ulm und Augsburg vorbei geführt werden. Die zweite Studie, erstellt in Kooperation mit der IHK München und dem Städtebund Inn-Salzach, ergänzte 2014 den Untersuchungsraum um das „Chemiedreieck“, um die Notwendigkeit des „Magistrale“-Ausbaus auch östlich von München in Richtung Salzburg zu unterstreichen.
Die dritte Prognos-Studie untermauert und aktualisiert die Erkenntnisse der zweiten Untersuchung über diesen Raum aus dem Jahr 2014. Demnach bündeln sich auf dem deutschen Abschnitt der transeuropäischen Bahn-Achse Paris–Wien–Budapest Wirtschafts- und Innovationskraft in einem Ausmaß, wie in keiner anderen europäischen Region. Die Bahn-„Magistrale“ verknüpft zwischen Paris und Oberbayern die drei innovationsstärksten Räume Europas (Baden-Württemberg, Bayern und Ile de France/Paris).
Ein neues „Markenzeichen“ für diesen Raum
Das vorausgegangene Gutachten war am 5. Juli 2014 in einer Veranstaltung der IHKs Ulm und Schwaben in der Fachkonferenz „Mobilität im Donauraum“ beim Internationalen Donaufest in Ulm vorgestellt und an die Koordinatorin der EU-Kommission für den transeuropäischen Korri-dor „Rhein-Donau“, Karla Peijs, überreicht worden. Es folgten Veranstaltungen unter anderem im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München sowie mit den Projektpartnern des Städtebundes Inn-Salzach im oberbayerischen „Chemiedreieck“. Eine Delegation des Verkehrsausschusses der IHK Schwaben stellte das Gutachten im Mai 2015 in Straßburg der EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc vor.
Zwischenzeitlich hat sich die Idee der „Technologieachse“ etabliert. Er gewinnt auch in politischen Diskussionen um die Verkehrsinfrastruktur entlang dieser Achse an Bedeutung. Auch der damalige Bahn-Vorstandsvorsitzende Dr. Rüdiger Grube zitierte öffentlich und auswendig aus dem zweiten Gutachten.
„Der Begriff ,Technologieachse‘ ist zu einem Markenzeichen geworden, das uns enorm hilft“, konstatierte IHK-Präsident Dr. Kopton. „Damit verstehen Politik und Öffentlichkeit, um was es hier geht.“ Man müsse mit der „Technologieachse“ auch „kampagnenfähig“ werden, fügte sein Kollege Dr. Kulitz hinzu.
Ein Drittel der Forschung von Deutschland
Entlang der „Technologie-Achse Süd“ wird dem neuen Prognos-Gutachten zufolge deutlich mehr als ein Siebtel der deutschen Bruttowertschöpfung erwirtschaftet (15,0 Prozent). Das ist signifikant höher als der Bevölkerungsanteil in diesem Gebiet (12,0 Prozent). Ein Fünftel der Menschen, die innerhalb Deutschlands umziehen oder nach Deutschland einwandern (ohne Flüchtlinge), tun dies in die Städte und Landkreise entlang der „Technologie-Achse“, was deren Dynamik, Anziehungskraft und Attraktivität für Arbeitskräfte unterstreicht. Jeweils fast ein Drittel aller bundesweiten Patentanmeldungen (31,8 Prozent) sowie Forschungs- und Entwicklungs-Aufwendungen (FuE) der Wirtschaft (31,6 Prozent) entfallen auf die 41 Städte und Landkreise entlang dieser Achse.
Die Studie steht hier zum Download bereit.
Außerdem zum Download: "Starke Wirtschaft auf der Südschiene" (SWP)