Deutschlands Neuverschuldung wird in diesem Jahr voraussichtlich
bei über 5 % liegen. Damit übersteigt es den
Maastricht-Referenz-wert von 3 % in Relation zum Bruttoinlands-produkt (BIP) erheblich.
Aus diesem Grund hatte der Rat der EU-Wirtschafts- und
Finanzminister (ECOFIN) im vergangenen Dezember ein
Defizitverfahren gegen Deutschland eröffnet und der Bundesregierung
verbindlich empfohlen, ihr Haushaltsdefizit ab 2011 kontinuierlich
abzubauen. Ab dem Jahr 2013 soll Deutschlands Haushalt wieder dem
Stabilitäts- und Wachstumspakt des Maastrichter Vertrages
entsprechen.
Allerdings steht Deutschland nicht allein da: Insgesamt 20
Mitgliedsländer scheitern momentan an der Drei-Prozent-Hürde. Nur
in sieben gilt die Haushaltsführung als korrekt. Wegen der
außergewöhnlich schlechten Lage, in der sich die europäische
Wirtschaft seit Beginn der Weltwirtschaftskrise befindet, wendet
die EU-Kommission die Regeln des Stabilitätspaktes zur Zeit nur in
entschärfter Form an und gewährt den Mitgliedstaaten einen Aufschub
beim Defizitabbau. Normalerweise müssten entstandene
Haushaltsdefizite innerhalb eines Jahres abgebaut werden.
Das Defizitverfahren geht auf deutsche Politiker zurück,
namentlich den früheren Finanzminister Theo Waigel (CSU).
Allerdings wurden die Anforderungen zu Beginn des Jahrzehnts genau
zu dem Zeitpunkt gelockert, als die Verletzung der Defizitkriterien
zum ersten Mal Sanktionen nach sich ziehen sollte. Nähert sich ein
Land der Defizitgrenze, ist als erster Schritt ein „Blauer Brief”
ohne Strafgelder vorgesehen. Als nächstes erstellt die
EU-Kommission einen Bericht, auf dessen Grundlage die
EU-Finanzminister mit Zweidrittel-Mehrheit entscheiden, ob in einem
Mitgliedstaat ein übermäßiges Defizit besteht. Daran knüpfen sich
Empfehlungen, wie der jeweilige Haushalt wieder in Ordnung kommen
kann. Als letzte Eskalationsstufe im Defizitverfahren verhängt der
ECOFIN-Rat Strafgelder.
Den Defizitabbau verlangt auch die so genannte Schuldenbremse des Grundgesetzes, die Deutschland ab
dem Jahr 2016 nur noch eine strukturelle Neuverschuldung in Höhe
von 0,35 Prozent des BIP erlaubt.