IHK24
Konjunkturumfrage-Fruehsommer-2005-Statement
DIHK-Konjunkturumfrage im Frühsommer 2005
14. Juni 2005
Statement von Dr. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und Dr. Axel Nitschke, DIHK-Chefvolkswirt
Das klassische Konjunkturmuster Deutschlands trägt immer weniger: Trotz Exportboom kommt die Binnenwirtschaft im Frühsommer nicht richtig in Fahrt. Die Investitionspläne der Unternehmen zeigen sich per saldo um 4 Prozentpunkte schwächer als noch zu Jahresbeginn. Ersatzinvestitionen stabilisieren die Situation. Für Erweiterungen reichen die Impulse jedoch zumeist nicht. Die Beschäftigungssituation bleibt angespannt. Nur jedes 10. Unternehmen sieht sich in der Lage, zusätzliches Personal einzustellen. 28 Prozent rechnen mit einem weiteren Abbau. Im Jahresdurchschnitt befürchtet der DIHK daher einen Verlust von 200.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen. Ohne Verbesserung der Arbeitsmarktlage wird der private Konsum im weiteren Jahresverlauf nicht durchstarten. Die deutsche Konjunktur bleibt nach wie vor von den Exporterfolgen der Unternehmen abhängig.
Unser Fazit: Die deutsche Wirtschaft wird im Jahr 2005 um gut ein Prozent wachsen. Damit reduzieren wir unsere Prognose vom Jahresbeginn leicht. Eine nachlassende Weltkonjunktur und eine insgesamt kraftlose Binnenwirtschaft drosseln zwar das Konjunkturtempo. Die schwache Investitions- und Beschäftigungsneigung der Unternehmen muss jedoch nicht das letzte Wort sein: Die Aussichten auf Neuwahlen schon im Herbst 2005 lässt die Unternehmen auf bessere geschäftliche Perspektiven hoffen - das zeigt eine ergänzende Online-Umfrage des DIHK in den letzten Tagen.
Wirtschaftspolitik: Berechenbare Reformen
erforderlich
Die aktuellen Investitions- und
Beschäftigungspläne zeigen wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf
auf. Für eine wirtschaftliche Erholung benötigen wir dringend eine
berechenbare Politik, die eine klare Reformperspektive
aufzeigt.
Wir brauchen:
Eine Begrenzung der Arbeitskosten und eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes: Hauptansatzpunkt bei den Lohnzusatzkosten ist die Abkoppelung der Kranken- und Pflegeversicherung vom Arbeitseinkommen - das hilft gerade beschäftigungsintensiven kleinen und mittleren Unternehmen. Dazu gehört aber auch die stufenweise Einführung der Rente mit 67. Darüber hinaus brauchen wir längere und flexiblere Arbeitszeiten in Deutschland.
Ein wettbewerbsfähiges Steuersystem: Eine große Steuerreform muss unmittelbar nach der Wahl auf den Gesetzgebungsweg gebracht werden. Wichtige Bestandteile sind eine möglichst einfache Bemessungsgrundlage, mehr Transparenz, ein einheitlicher, möglichst niedriger Tarif sowie die Abschaffung der Gewerbesteuer.
Weniger Bürokratie und mehr Innovationen: Ohne Innovation gibt es keine ausreichende Chance im internationalen Wettbewerb. Bildung und Forschung müssen Vorfahrt haben. In der neu gewählten Bundesregierung muss Bürokratieabbau zur Chefsache werden; denn Bürokratieabbau darf nicht an Ressortegoismen scheitern.
Entscheidend ist, dass die Bundesregierung unmittelbar nach der Wahl die neu gewonnene Handlungsfähigkeit für konsequente Reformen nutzt. Qualität und Schnelligkeit sind angesagt.
Zur Konjunktur im Einzelnen (Dr. Axel Nitschke):
Wirtschaftsbelebung ermattet
Bei der
Befragung zur Konjunktur, die die IHKs bis Anfang Mai bei mehr als
22.000 Unternehmen durchführten, haben uns die Betriebe folgendes
Stimmungsbild übermittelt: 22 Prozent der Unternehmen rechnen für
die kommenden 12 Monate mit besseren Geschäften als bislang; 54
Prozent gehen von gleich bleibenden Geschäften aus und 24 Prozent
sehen ihre Geschäftsaussichten verschlechtert. Der Saldo aus
"Besser"- und "Schlechter"-Meldungen verringert sich gegenüber
Jahresbeginn um sechs Prozentpunkte - auf minus zwei Prozentpunkte.
Damit bewegt sich der Erwartungssaldo nach wie vor nahe seines
langjährigen Durchschnitts (null Prozentpunkte); der Konjunktur
droht folglich eine langsame Gangart, aber kein Absturz.
In den wieder eingetrübten Geschäftsaussichten spiegeln sich realwirtschaftliche Faktoren wie der hohe Ölpreis und das verringerte Drehmoment der Weltwirtschaft wider, aber auch die Verunsicherung von Investoren und Konsumenten über den wirtschaftspolitischen Reformkurs. So folgten zentralen Ankündigungen des Job-Gipfels abermals keine Taten.
Dämpfer bei den Investitions- und
Beschäftigungsplänen
Die harten Konjunkturdaten, wie
z.B. die Produktions- und Auftragszahlen, haben sich nicht in dem
Maße verschlechtert wie die Stimmung der Unternehmen. Dies zeigt
sich auch in der Investitions- und Beschäftigungsneigung der
Unternehmen: So nehmen die Unternehmen ihre Investitions- und
Beschäftigungspläne gegenüber Jahresanfang nur leicht zurück. Für
die Investitionen bedeutet dies zumindest eine geringfügige
Belebung im Gesamtjahr 2005. Der Personalabbau wird sich
fortsetzen, aber mit verringertem Tempo. Der hohe Wettbewerbsdruck
auf den internationalen Märkten zwingt insbesondere
Industrieunternehmen, weiter zu rationalisieren. Viele Unternehmen
können zusätzliche Aufträge bislang noch mit dem bestehenden
Personal abwickeln. Der leicht rückläufige Beschäftigungssaldo
erreicht mit minus 18 Prozentpunkten (Jahresbeginn: minus 16
Prozentpunkte) den Wert seines langjährigen Durchschnitts.
Binnennachfrage leicht verbessert
Trotz
weiterhin angespannter Arbeitsmarktlage scheint sich der private
Konsum zumindest sachte aus seiner dreijährigen Starre zu lösen.
Dies deuten die binnen Jahresfrist etwas verbesserten
Lageeinschätzungen der Verbrauchsgüterhersteller sowie die leichte
Stimmungsaufhellung im Einzelhandel an. Unaufschiebbarer
Ersatzbedarf und eine Entlastung bei der Einkommensteuer seit
Jahresbeginn sind dafür wichtige Gründe. Einige Lichtzeichen sendet
auch die Bauwirtschaft: Dort richten sich zaghafte Hoffnungen auf
eine zusätzliche Auftragsvergabe durch die Kommunen und -
angesichts des Zinstiefs - auch auf eine zunehmende Bautätigkeit
der privaten Haushalte und der Unternehmen.
Export: Nachlassende Schubkraft
Der Export
bleibt auch im weiteren Jahresverlauf 2005 eine Stütze der
Konjunktur -allerdings mit geringerer Tragfähigkeit als im
vergangenen Jahr. Die Unternehmensangaben deuten einen weniger
steilen Wachstumspfad der Ausfuhren an als in den vergangenen
Jahren - ausgelöst durch eine bereits eingeleitete Verlangsamung
der Weltkonjunktur. Exporthoffnungen beziehen die Unternehmen aber
immer noch aus ihrer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit - als Folge
von Kostendisziplin, verstärkten Produkt- und Prozessinnovationen
sowie einem gegenüber dem US-Dollar zuletzt etwas abgeschwächten
Euro. Jetzt gehen 35 Prozent der Industriebetriebe von einem
Anstieg ihres Exportvolumens in den nächsten zwölf Monaten aus -
nach 40 Prozent zu Jahresbeginn und ebenfalls 35 Prozent vor einem
Jahr. Nur elf Prozent befürchten einen Rückgang der Exporte - nach
neun Prozent vor einigen Monaten und immerhin 13 Prozent vor einem
Jahr.
Aussicht auf Neuwahlen beflügelt Stimmung der deutschen
Wirtschaft
Die Ankündigung vorgezogener Neuwahlen hat
bei den Unternehmern in den letzten Wochen eine spürbar bessere
Stimmung erzeugt - so das Ergebnis einer zusätzlichen
Online-Umfrage der IHK-Organisation bei mehr als 1.100 Unternehmen.
Auf die Frage "Wie verändert die Entscheidung für Neuwahlen Ihre
geschäftlichen Perspektiven im laufenden Jahr?" sind die
Unternehmen mehrheitlich positiv gestimmt: 58 Prozent der
Unternehmen sehen mit Blick auf eine neu gewählte Bundesregierung
ihre geschäftliche Perspektive verbessert, 41 Prozent erwarten
keine Veränderung und nur ein Prozent der Unternehmen rechnet mit
Beeinträchtigungen. Das Ergebnis zeigt: Anders als noch in den
Wochen vor der Ankündigung einer Neuwahl rechnen die Unternehmen
jetzt nicht mehr mit einem Reformstau, der sich über fast
anderthalb Jahre hinzieht. Dieser Hoffnungswert beeinflusst
kurzfristig nicht die Investitions- und Beschäftigungspläne der
Unternehmen.
